„Stammzelltherapie“ ist in der Orthopädie kein einheitliches Verfahren. Unter dem Begriff werden Knochenmarkkonzentrate, mechanisch verarbeitetes Fettgewebe, stromale Zellfraktionen, kultivierte mesenchymale Stromazellen und teilweise sogar Produkte aus perinatalen Geweben zusammengefasst. Diese Präparate unterscheiden sich biologisch, technisch, regulatorisch und hinsichtlich ihrer Evidenz erheblich. Eine seriöse Beratung beginnt deshalb nicht mit der Frage „Wirken Stammzellen?“, sondern mit der exakten Bezeichnung des Produkts, seiner Herstellung, der konkreten Diagnose und dem Therapieziel.
Kurz erklärt: Was bedeutet „Stammzelltherapie“?
Der Begriff ist medizinisch unscharf. Viele point-of-care Präparate enthalten keine standardisierte Population reiner Stammzellen, sondern ein Gemisch aus Zellen, Gewebebestandteilen und Signalstoffen. Bei Knochenmarkkonzentrat oder verarbeitetem Fettgewebe ist die tatsächliche Anzahl stromaler Vorläuferzellen variabel. Kultur-expandierte mesenchymale Stromazellen sind wiederum ein anderes, deutlich stärker reguliertes Produktkonzept.
Biologische Plausibilität, Zellnachweise im Labor und positive Einzelfallberichte sind keine ausreichenden Belege für klinisch relevante Regeneration. Für die Bewertung braucht es randomisierte Vergleichsstudien, reproduzierbare Produktcharakterisierung und belastbare Langzeitdaten.
- 01Produkt benennenBMAC, Microfat, SVF, MSC oder ACI voneinander unterscheiden
- 02Quelle und AufbereitungKnochenmark, Fett oder Spendergewebe sowie Verarbeitung klären
- 03Evidenz zuordnenDaten für genau dieses Produkt und diese Diagnose prüfen
- 04Ziel realistisch setzenSymptomverbesserung von struktureller Regeneration trennen
Welche Verfahren werden angeboten oder untersucht?
| Verfahren | Ausgangsmaterial | Typische Forschung/Anwendung | Evidenzielle Einordnung |
|---|---|---|---|
| BMAC | Knochenmarkaspirat, meist Beckenkamm | Knie, Osteonekrose, Knochenheilung, Knorpel | heterogenes Konzentrat; klinische Daten vorhanden |
| Microfat/MFAT | mechanisch verarbeitetes autologes Fett | v. a. Kniearthrose | Symptomverbesserung möglich; RCTs nicht konsistent besser als PRP/Placebo |
| SVF | stromal vascular fraction aus Fett | Kniearthrose/Gewebe | heterogenes Zellgemisch; Aufbereitung entscheidend |
| Kultur-expandierte MSC | im Labor vermehrte stromale Zellen | Studien bei Kniearthrose/Knorpel | spezialisiertes/experimentelles Feld, regulatorisch anspruchsvoll |
| Allogene MSC/perinatale Produkte | Spendergewebe | Studien/Spezialprogramme | Qualität, Immunologie, Zulassung und Langzeitdaten kritisch prüfen |
| ACI/MACI | körpereigene Chondrozyten | fokale Knorpeldefekte | eigenständiges knorpelchirurgisches Zellverfahren; nicht mit freier Stammzellinjektion gleichsetzen |
| Exosomen | zellfreie Vesikel/Signalträger | Forschungsgebiet | für orthopädische Routine nicht ausreichend belegt |
BMAC: Knochenmarkkonzentrat
BMAC wird meist aus Knochenmark des Beckenkamms gewonnen und anschließend konzentriert. Es enthält unterschiedliche Zelltypen, Wachstumsfaktoren und weitere Signalbestandteile. Die tatsächliche Zellzusammensetzung kann zwischen Patienten und Aufbereitungssystemen deutlich schwanken. Untersucht wird BMAC unter anderem bei Kniearthrose, fokalen Knorpelschäden, Osteonekrose, Knochenheilungsstörungen und als biologischer Zusatz zu Operationen.
Eine mögliche Rolle bei Knochenheilungsstörungen oder frühen Osteonekrosen ist biologisch und klinisch interessant, muss aber in das mechanische Gesamtkonzept eingebettet werden. Keine Zellinjektion ersetzt Stabilität, Infektkontrolle, Achskorrektur oder eine notwendige Operation.
Microfat / MFAT und SVF
Microfat beziehungsweise MFAT ist mechanisch verarbeitetes Fettgewebe. SVF bezeichnet eine stromale Zellfraktion aus Fettgewebe und ist nicht dasselbe. Die Forschung konzentriert sich stark auf Kniearthrose. Randomisierte Studien zeigten, dass MFAT nicht zuverlässig besser als PRP war; in einer verblindeten placebo-kontrollierten Studie war eine einzelne MFAT-Injektion nach zwei Jahren nicht überlegen gegenüber Kochsalz. Das spricht gegen die Darstellung als sicheren „Knorpelaufbau“.
Kultur-expandierte mesenchymale Stromazellen
Kultur-expandierte MSC können in größeren und besser definierten Zellmengen hergestellt werden, erfordern aber umfangreiche Qualitäts- und Sterilitätsstandards. Die Cochrane-Übersicht 2025 kommt für Kniearthrose zu einer vorsichtigen Einschätzung: Im Vergleich zu Placebo können Stammzellinjektionen Schmerz und Funktion möglicherweise leicht verbessern, die Sicherheit der Evidenz ist jedoch niedrig. Für strukturelle Gelenkregeneration, Lebensqualität und langfristige Vermeidung einer Operation bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten.
Allogene Produkte, Nabelschnur und perinatale Gewebe
Allogene Produkte vermeiden eine eigene Entnahme, werfen aber zusätzliche Fragen auf: Spenderquelle, Zellcharakterisierung, Infektionsschutz, Immunreaktion, Herstellung, Lagerung, regulatorischer Status und Langzeitsicherheit. Aussagen wie „junge Zellen“, „Verjüngung“ oder „sicherer Knorpelaufbau“ sind ohne hochwertige Vergleichsdaten nicht seriös.
Bei welchen Erkrankungen werden Zellverfahren untersucht?
Kniearthrose
Die Kniearthrose ist das am besten untersuchte orthopädische Einsatzgebiet. Untersucht wurden BMAC, SVF, MFAT, adipose-derived stromal cells und allogene Zellprodukte. Eine Phase-3-Studie mit 480 Personen verglich BMAC, SVF und Nabelschnurgewebe-Zellen jeweils mit Kortison. Nach zwölf Monaten war keine Zelltherapie der Kortisonbehandlung überlegen; auch MRT-Arthrosewerte verbesserten sich nicht relevant. Eine symptomatische Verbesserung kann bei einzelnen Patienten dennoch vorkommen, darf aber nicht mit gesicherter struktureller Regeneration gleichgesetzt werden.
Fokale Knorpeldefekte
Ein fokaler Knorpeldefekt ist etwas anderes als diffuse Arthrose. Therapieentscheidungen hängen von Defektgröße, Lokalisation, Alter, Aktivitätsniveau, Beinachse, Meniskus und Bandstabilität ab. Zellbasierte Verfahren können hier Bestandteil operativer Konzepte sein. ACI/MACI ist als etabliertes spezialisiertes Knorpelzellverfahren konkret von freien Stammzellinjektionen zu unterscheiden.
Pseudoarthrose und Knochenheilungsstörung
BMAC und andere biologische Verfahren können bei verzögerter Knochenheilung oder Pseudoarthrose als Zusatz untersucht oder eingesetzt werden. Grundlage bleibt jedoch die Ursachenanalyse: Stabilität, Durchblutung, Infektion, Defektgröße und mechanische Achse. Eine biologische Zusatztherapie ohne mechanisch ausreichende Stabilisierung ist kein Ersatz für ein rekonstruktives Konzept.
Osteonekrose des Hüftkopfes
Bei früher Osteonekrose wurden Knochenmarkkonzentrate und MSC in Verbindung mit gelenkerhaltenden Eingriffen untersucht. Ergebnisse sind heterogen und stark stadiumsabhängig. Bei bereits kollabiertem Hüftkopf ist eine Zellinjektion kein verlässlicher Ersatz für eine notwendige operative Strategie.
Sehnen, Bänder und Meniskus
Für Rotatorenmanschette, Achillessehne, Patellasehne, Epicondylopathie, Kreuzband und Meniskus existieren präklinische Daten sowie kleinere klinische Studien. Häufig werden Zellprodukte gleichzeitig mit einer Operation verwendet, sodass der zusätzliche Effekt der Zellen schwer zu isolieren ist. Eine mechanisch reparable oder blockierende Läsion sollte nicht durch eine Injektion „behandelt“ werden, ohne die mechanische Indikation zu klären.
Wirbelsäule und Bandscheibe
MSC und andere Zellansätze werden bei degenerativen Bandscheibenerkrankungen erforscht. Die Bandscheibe ist wegen niedrigen Sauerstoffgehalts, sauren Milieus und hoher mechanischer Belastung ein anspruchsvolles Zielgewebe. Außerhalb kontrollierter Studien sollte besonders kritisch geprüft werden, welches Produkt verwendet wird und ob die Bandscheibe tatsächlich die Schmerzquelle ist.
Sprunggelenk und osteochondrale Talusläsionen
Bei osteochondralen Läsionen und posttraumatischer Arthrose werden BMAC, SVF und MFAT untersucht. Ein großer Teil der Literatur kombiniert die Zelltherapie mit Operationen. Deshalb lässt sich der eigenständige Effekt der Zellen häufig nicht sicher bestimmen.
Symptomverbesserung ist nicht gleich Regeneration
Eine Schmerzreduktion oder bessere Funktion ist für Patienten relevant. Sie beweist aber nicht, dass belastbarer hyaliner Gelenkknorpel neu entstanden ist. Auch MRT-Veränderungen sind ohne histologische und langfristig funktionelle Korrelation kein sicherer Regenerationsnachweis. Eine echte krankheitsmodifizierende Therapie müsste reproduzierbar Struktur verbessern, langfristig Funktion erhalten und idealerweise Folgeoperationen reduzieren.
Risiken und Sicherheitsfragen
- Schmerz, Hämatom, Blutung oder Infektion an Entnahme- oder Injektionsstelle
- Gelenkerguss und entzündliche Reaktion
- variable Zellzahl und Produktqualität
- Kontamination bei nicht ausreichend kontrollierter Aufbereitung
- Immunreaktionen bei allogenen Produkten
- unklare Langzeitsicherheit bei einigen Produktklassen
- zusätzliche Risiken der Fett- oder Knochenmarkentnahme
- Verzögerung einer eigentlich notwendigen Standardtherapie
Regulierung: Welche Fragen sollten gestellt werden?
Die regulatorische Einordnung hängt von Zellquelle, Aufbereitung, Manipulationsgrad, Anwendung und Land ab. Sie kann nicht aus dem Marketingbegriff „Stammzellen“ abgeleitet werden. Eine seriöse Praxis sollte offen benennen, welches Produkt konkret verwendet wird, wie es hergestellt wird und welcher rechtliche beziehungsweise regulatorische Status für genau diese Anwendung gilt.
- Wie heißt das konkrete Produkt oder Verfahren?
- Aus welchem Gewebe stammt es?
- Autolog oder allogen?
- Mechanisch oder enzymatisch aufbereitet?
- Wird das Produkt kultiviert oder expandiert?
- Wie werden Zellzahl, Viabilität und Qualität dokumentiert?
- Welche RCTs gibt es für meine konkrete Diagnose?
- Welche Risiken entstehen durch Entnahme und Injektion?
- Wie lautet der regulatorische Status in Deutschland/EU für diese konkrete Anwendung?
- Was ist der Plan, wenn keine Verbesserung eintritt?
Wann ist eine Zweitmeinung besonders sinnvoll?
- Versprechen eines sicheren Knorpelaufbaus
- unklare Produktbezeichnung oder fehlende Angaben zur Aufbereitung
- teure Behandlung ohne belastbare Vergleichsstudien
- fortgeschrittene Arthrose mit gleichzeitigem Versprechen, eine Prothese sicher zu vermeiden
- Osteonekrose oder Pseudoarthrose mit möglicher dringlicher Standardtherapie
- Behandlung von Wirbelsäule oder Sehnen außerhalb konkreter Studien-/Indikationsgrundlage
Einschätzung aus der Praxis
Bei zellbasierten Verfahren ist die präziseste Frage oft nicht „Sind Stammzellen gut?“, sondern „Was genau ist in der Spritze – und welches Problem soll damit biologisch beeinflusst werden?“ Je unklarer Produkt, Zellzahl, Aufbereitung und Vergleichsevidenz bleiben, desto vorsichtiger sollte die Behandlung eingeordnet werden. Biologische Zusatztherapie kann sinnvoll sein, wenn die mechanische Diagnose stimmt; sie kann eine falsche Indikation nicht korrigieren.
Orthobiologika-Produktcheck
Was bekomme ich eigentlich injiziert?
Sechs kurze Fragen strukturieren die Orientierung. Antworten werden weder gespeichert noch übertragen; die Auswertung erfolgt ausschließlich lokal.
Häufige Fragen
Sind Stammzellinjektionen in der Orthopädie Standard?
Für die meisten orthopädischen Erkrankungen nicht. Einige Zell- und Gewebeverfahren werden in spezialisierten Konzepten oder Studien eingesetzt, aber Produkte, Indikationen und Evidenz sind sehr unterschiedlich.
Können Stammzellen Knorpel nachwachsen lassen?
Ein sicherer und dauerhafter Wiederaufbau belastbaren Gelenkknorpels durch frei angebotene Stammzellinjektionen ist nicht zuverlässig nachgewiesen.
Ist BMAC eine Stammzelltherapie?
BMAC ist ein Knochenmarkkonzentrat mit einem heterogenen Gemisch aus Zellen und Signalstoffen. Es ist nicht gleichbedeutend mit einem reinen oder standardisierten Stammzellpräparat.
Sind Microfat und SVF dasselbe?
Nein. Microfat/MFAT ist mechanisch verarbeitetes Fettgewebe. SVF ist eine daraus gewonnene stromale Zellfraktion; Aufbereitung und Zellgehalt unterscheiden sich.
Sind Nabelschnur- oder Plazentaprodukte besser?
Eine generelle Überlegenheit ist nicht belegt. Zusätzlich müssen Produktqualität, Infektionsschutz, Immunologie, regulatorischer Status und Langzeitdaten geprüft werden.
Kann eine Stammzellbehandlung eine Knieprothese verhindern?
Das ist nicht gesichert. Einzelne Patienten können symptomatisch profitieren, aber eine zuverlässige langfristige Prothesenvermeidung ist nicht nachgewiesen.
Was ist der Unterschied zu PRP?
PRP ist ein Blutprodukt, das vor allem Thrombozyten und deren Signalstoffe nutzt. Zellverfahren basieren auf Knochenmark, Fett oder kultivierten/allogenen Zellprodukten. Evidenz, Herstellung und Risiken unterscheiden sich deutlich.
Wann kann BMAC bei Knochenproblemen sinnvoll sein?
Bei ausgewählten Knochenheilungsstörungen oder frühen Osteonekrosen kann BMAC als biologischer Zusatz diskutiert werden. Entscheidend bleiben Stabilität, Infektkontrolle, Stadium und das chirurgische Gesamtkonzept.
Fazit
Stammzell- und zellbasierte Verfahren sind ein wichtiges Forschungsfeld der modernen Orthopädie. Der klinische Nutzen hängt jedoch stark von Produkt, Diagnose und Begleitbehandlung ab. Für Kniearthrose sind symptomatische Verbesserungen möglich, die Evidenz für strukturelle Regeneration bleibt begrenzt. Bei Knochen, fokalen Knorpeldefekten und frühen Osteonekrosen können Zellverfahren in ausgewählten rekonstruktiven Konzepten eine Rolle spielen. Seriöse Beratung beginnt mit exakter Nomenklatur und endet nicht mit dem Begriff „regenerativ“.
Wissenschaftliche Quellen
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