Arthrosamid ist ein nicht resorbierbares Polyacrylamid-Hydrogel zur symptomatischen Behandlung der Kniearthrose. Das Verfahren kann für ausgewählte Patientinnen und Patienten interessant sein, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichend helfen und eine operative Behandlung aktuell nicht zwingend erforderlich oder nicht gewünscht ist. Entscheidend ist jedoch eine nüchterne Einordnung: Arthrosamid ist kein Knorpelersatz, keine Stammzelltherapie und keine nachgewiesene Methode zur Heilung einer Arthrose. Die klinische Forschung zeigt mögliche, teils länger anhaltende Verbesserungen von Schmerz und Funktion, die Studienlage ist aber deutlich kleiner als bei etablierten Behandlungsstrategien.
Kurz erklärt: Was ist Arthrosamid?
Arthrosamid ist ein steriles, injizierbares Polyacrylamid-Hydrogel. Laut aktueller Hersteller-Produktinformation handelt es sich um ein permanentes, nicht degradierbares Implantat zur intraartikulären Anwendung am Knie. Es soll sich in synoviales Gewebe integrieren und dort die mechanische Umgebung der Gelenkinnenhaut beeinflussen. Der genaue Anteil mechanischer, synovialer und entzündungsmodulierender Effekte ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.
Wichtig ist die begriffliche Abgrenzung: Arthrosamid enthält keine Stammzellen, kein PRP, kein Knochenmark und kein Fettgewebe. Auch eine biologische Plausibilität des Wirkprinzips ist nicht gleichbedeutend mit dem Nachweis einer strukturellen Knorpelregeneration.
Für welches Gelenk ist Arthrosamid untersucht?
Die relevante klinische Evidenz betrifft die Kniearthrose. Ergebnisse aus Knie-Studien dürfen nicht automatisch auf Hüfte, Schulter, Sprunggelenk, Wirbelsäule oder Sehnen übertragen werden. Für eine seriöse Indikationsstellung sollten deshalb die konkrete Produktinformation, die zugelassene beziehungsweise vorgesehene Anwendung und die individuelle Gelenksituation zusammen betrachtet werden.
Wie wird die Behandlung durchgeführt?
In den klinischen Studien wurde typischerweise eine einmalige intraartikuläre Gesamtmenge von 6 ml untersucht. Die aktuelle Produktinformation beschreibt die Anwendung durch entsprechend qualifizierte Ärzte. In der Praxis sollten sterile Bedingungen, eine präzise intraartikuläre Platzierung und die individuelle Nachbehandlung konkret definiert sein. Vor der Behandlung ist besonders wichtig, andere Schmerzursachen nicht zu übersehen.
- klinische Zuordnung der Beschwerden zur Kniearthrose
- Arthrosestadium und Gelenkspalt
- Beinachse und relevante Fehlstellung
- Bandstabilität und mechanische Instabilität
- Meniskus- und fokale Knorpelschäden
- Gelenkerguss, Synovitis und entzündliche Differenzialdiagnosen
- Infektionsrisiken und vorausgegangene Eingriffe
- bestehende oder konkret geplante operative Behandlung
Was zeigen die Studien bis August 2026?
Die Evidenz ist klinisch interessant, aber noch begrenzt. Eine offene prospektive Studie mit 49 Personen berichtete nach einer einmaligen 6-ml-Injektion über Verbesserungen von Schmerz, Steifigkeit und Funktion. Nach zwölf Monaten erfüllten 62,2 % die verwendeten Response-Kriterien. Wegen des offenen Designs lässt sich der spezifische Hydrogel-Effekt jedoch nicht sicher von Erwartungseffekten, Begleittherapie und natürlicher Symptomschwankung trennen.
In einer randomisierten multizentrischen Studie mit 239 Erwachsenen war Polyacrylamid-Hydrogel nach 26 Wochen gegenüber der verwendeten Hyaluronsäure hinsichtlich WOMAC-Schmerz nicht unterlegen. Das ist ein relevantes Signal, beweist aber weder eine generelle Überlegenheit gegenüber Hyaluronsäure noch einen strukturellen Knorpelaufbau. Gerätebezogene unerwünschte Ereignisse wurden in der Hydrogelgruppe häufiger berichtet; sie waren überwiegend leicht oder mittelgradig.
Eine 5-Jahres-Verlängerung der offenen Studie berichtete anhaltende Verbesserungen bei den verbliebenen Teilnehmern. Von 49 ursprünglich Behandelten schlossen 27 die fünfjährige Nachbeobachtung ab. Solche Langzeitdaten sind wertvoll, aber ohne Kontrollgruppe und bei deutlicher Ausfallrate nicht geeignet, eine allgemeine fünfjährige Wirkung zu garantieren. Eine 2026 publizierte Übersichtsarbeit kommt entsprechend zu einer vorsichtigen Einordnung: symptomatische Verbesserungen sind möglich, doch begrenzte Studienqualität, unklare Mechanismen und noch unzureichende Langzeit- und Vergleichsdaten sprechen gegen eine unkritische Routineanwendung.
Welche Wirkung ist realistisch?
Realistisch ist ein symptomatisches Therapieziel. Wenn die Behandlung wirkt, kann sie Schmerzen, Steifigkeit und Alltagsfunktion verbessern und dadurch Bewegung, Training oder längere Gehstrecken erleichtern. Der individuelle Effekt und seine Dauer lassen sich vorab jedoch nicht zuverlässig vorhersagen.
- 01Kniearthrose bestätigenBeschwerden, Untersuchung und Röntgen zusammenführen
- 02Mechanik mitdenkenAchse, Stabilität, Meniskus, Erguss und Bewegung prüfen
- 03Injektionen vergleichenPRP oder ACP, Hyaluronsäure und Arthrosamid nach Ziel abwägen
- 04Verlauf messenSchmerz, Funktion, Gehstrecke und Belastbarkeit dokumentieren
Arthrosamid im Vergleich zu anderen Injektionen
| Verfahren | Typisches Ziel | Stärke | Wichtige Grenze |
|---|---|---|---|
| Kortison | rasche Entzündungs-/Schmerzreduktion | schneller Wirkungseintritt | meist zeitlich begrenzt; keine Regeneration |
| Hyaluronsäure | symptomatische Gelenkbehandlung | lange Erfahrung, unterschiedliche Präparate | uneinheitliche Evidenz; kein sicherer Knorpelaufbau |
| PRP/ACP | biologische Modulation von Schmerz und Entzündung | für milde–moderate Kniearthrose zunehmende Evidenz | Präparate/Protokolle heterogen |
| Arthrosamid | länger anhaltender symptomatischer Therapieversuch | einmalige Injektion; Daten bis mehrere Jahre | permanentes Hydrogel; kleinere Evidenzbasis |
| Microfat/Zellverfahren | orthobiologischer Therapieversuch | biologische Forschungsbasis | heterogene Produkte; kein gesicherter Knorpelersatz |
Mögliche Nebenwirkungen und Kontraindikationen
Beschrieben sind vor allem vorübergehende Schmerzen, Schwellung, Druck- oder Spannungsgefühl und lokale Reaktionen. Wie bei jeder Gelenkinjektion bestehen außerdem Risiken wie Blutung, Infektion und vorübergehende Beschwerdezunahme. Weil das Hydrogel nicht resorbierbar ist, ist die sorgfältige Auswahl besonders wichtig.
Die aktuelle Produktinformation nennt unter anderem aktive Hauterkrankungen oder Infektionen nahe der Einstichstelle, ein infiziertes oder stark entzündetes Gelenk, bestimmte vorausgegangene nicht resorbierbare Implantate beziehungsweise Fremdmaterialien im Knie, eine Kniearthroskopie innerhalb der letzten sechs Monate sowie Hämophilie oder unkontrollierte Antikoagulation als relevante Ausschlussgründe. Die vollständige individuelle Prüfung muss anhand der jeweils aktuellen Produktinformation und der ärztlichen Anamnese erfolgen.
Für wen kann Arthrosamid sinnvoll zu besprechen sein?
- klinisch und bildgebend plausible symptomatische Kniearthrose
- Beschwerden trotz Bewegungstherapie, Belastungsanpassung und weiterer konservativer Maßnahmen
- Wunsch nach einem nicht operativen symptomatischen Therapieversuch
- keine akute Infektion oder andere dringliche Schmerzursache
- realistische Erwartung: Symptomkontrolle statt Knorpelheilung
- Bereitschaft zu Verlaufskontrolle anhand konkreter Funktions- und Schmerzparameter
Wann sollte eine Operation trotzdem geprüft werden?
Eine Injektion sollte keine notwendige operative Beratung verdrängen. Bei hochgradiger Fehlstellung, ausgeprägter Instabilität, mechanischer Blockierung, fortgeschrittener Gelenkzerstörung oder sehr hohem Leidensdruck muss zuerst geklärt werden, ob eine operative Behandlung die zugrunde liegende Ursache besser adressiert. Die entscheidende Frage lautet nicht „Arthrosamid oder Operation?“, sondern: Welche Struktur verursacht die Beschwerden, und welches Therapieziel ist realistisch erreichbar?
Wann ist eine Arthrose-Zweitmeinung sinnvoll?
Eine zweite orthopädische Einschätzung ist besonders sinnvoll, wenn Arthrosamid als sichere Alternative zur Knieprothese, als Knorpelregeneration oder als pauschal überlegene Injektion beworben wird. Ebenso sinnvoll ist sie bei unklarer Diagnose, diskrepanten MRT- und Beschwerdebefunden oder wenn bereits eine Operation empfohlen wurde und konservative Optionen noch nicht strukturiert eingeordnet wurden.
Einschätzung aus der Praxis
Bei Arthrose sollte nie allein der Röntgen- oder MRT-Befund behandelt werden. Eine Injektion ist dann am plausibelsten, wenn Beschwerden, klinischer Befund, Bildgebung, Beinachse, Stabilität und Belastungsziel zusammenpassen. Bei Arthrosamid kommt zusätzlich hinzu, dass ein nicht resorbierbares Hydrogel injiziert wird – deshalb ist eine saubere Indikationsstellung wichtiger als eine möglichst schnelle Produktentscheidung.
Arthrose-Injektionsfinder
Welche Therapiefrage ist vor Arthrosamid entscheidend?
Sechs kurze Fragen strukturieren die Orientierung. Antworten werden weder gespeichert noch übertragen; die Auswertung erfolgt ausschließlich lokal.
Häufige Fragen zu Arthrosamid
Wie lange wirkt Arthrosamid?
Studien berichten bei einem Teil der Behandelten über Verbesserungen über zwölf Monate hinaus; Langzeitdaten reichen inzwischen bis fünf Jahre. Daraus lässt sich keine garantierte individuelle Wirkungsdauer ableiten, insbesondere weil Langzeitstudien klein und teilweise unkontrolliert sind.
Baut Arthrosamid Knorpel auf?
Nein. Ein sicherer Wiederaufbau belastbaren hyalinen Gelenkknorpels ist nicht nachgewiesen. Die Studien untersuchen in erster Linie Schmerz, Steifigkeit und Funktion.
Ist Arthrosamid besser als Hyaluronsäure?
Eine randomisierte Studie zeigte eine Nichtunterlegenheit gegenüber der verwendeten Hyaluronsäure. Eine allgemeine Überlegenheit gegenüber allen Hyaluronsäurepräparaten ist damit nicht bewiesen.
Kann Arthrosamid eine Knieprothese verhindern?
Das ist nicht belegt. Eine gute symptomatische Wirkung kann eine Operation im Einzelfall zeitweise weniger dringlich machen; ein gesicherter prothesenvermeidender Effekt wurde jedoch nicht nachgewiesen.
Wird Arthrosamid auch an Hüfte oder Schulter eingesetzt?
Die wesentliche Evidenz und die aktuelle Produktindikation beziehen sich auf die symptomatische Kniearthrose. Ergebnisse sollten nicht auf andere Gelenke übertragen werden.
Ist Arthrosamid eine regenerative Therapie?
Als wissenschaftliche Beschreibung ist „symptomatische Hydrogelbehandlung“ präziser. Eine gesicherte Krankheitsmodifikation oder Knorpelregeneration ist nicht nachgewiesen.
Muss vorher ein MRT gemacht werden?
Nicht immer. Röntgen im Stand und klinische Untersuchung sind für die Arthrosebeurteilung oft zentral. Ein MRT ist besonders hilfreich, wenn die Schmerzursache unklar ist, mechanische Begleitprobleme vermutet werden oder die Beschwerden nicht zum Röntgenbild passen.
Was passiert, wenn Arthrosamid nicht wirkt?
Dann sollte die Diagnose und Therapieplanung erneut geprüft werden. Je nach Befund kommen Training, Gewichts- und Belastungsmanagement, andere Injektionen oder eine operative Beurteilung infrage. Ein fehlender Effekt ist kein Beweis, dass „nichts mehr hilft“.
Fazit
Arthrosamid ist eine interessante, aber spezifische Option zur symptomatischen Behandlung der Kniearthrose. Die Daten zeigen, dass einzelne Patientinnen und Patienten über längere Zeit von einer einmaligen Injektion profitieren können. Gleichzeitig fehlen Belege für Knorpelregeneration, sichere Prothesenvermeidung oder eine generelle Überlegenheit gegenüber anderen Injektionen. Die Stärke einer seriösen Beratung liegt deshalb nicht im Versprechen einer bestimmten Therapie, sondern in der präzisen Auswahl der passenden Behandlung für den konkreten Befund.
Wissenschaftliche Quellen
- Bliddal H, Beier J, Hartkopp A, Conaghan P, Henriksen M. Polyacrylamide gel versus hyaluronic acid for the treatment of knee osteoarthritis: a randomised controlled study. Clinical and Experimental Rheumatology. 2023. DOI: 10.55563/clinexprheumatol/i3fqee.
- Bliddal H et al. Effectiveness and safety of polyacrylamide hydrogel injection for knee osteoarthritis: 12-month follow-up of an open-label study. J Orthop Surg Res. 2024;19. DOI: 10.1186/s13018-024-04756-2.
- Bliddal H et al. A prospective, open-label clinical investigation ... 5-year extension study. J Orthop Surg Res. 2025/2026. DOI: 10.1186/s13018-025-06526-0.
- Farhan-Alanie MM et al. Efficacy of novel polyacrylamide hydrogel injection for osteoarthritis. The Knee. 2026;62:104492. DOI: 10.1016/j.knee.2026.104492.
- Cole A et al. A Systematic Review of the Novel Compound Arthrosamid Polyacrylamide (PAAG) Hydrogel for Treatment of Knee Osteoarthritis. Medical Research Archives. 2022. DOI: 10.18103/mra.v10i8.2950.
- Contura International Ltd. Arthrosamid Instructions for Use (MDR), Version October 2025. Produktinformation; Indikation und Kontraindikationen sind stets in der aktuellsten Fassung zu prüfen.





