Umschriebener Knorpeldefekt
Größe, Tiefe, Lage, Knochenbeteiligung und Gelenkmechanik entscheiden über konservative oder rekonstruktive Wege.
KNORPELSCHADEN · KNIE · GELENKERHALT
Ein Knorpelschaden im Knie bedeutet weder automatisch Operation noch Prothese. Je nach Ursache, Tiefe, Lage und Gelenkmechanik kommen gezieltes Training, Belastungssteuerung, PRP, Hyaluronsäure, Microfat/MFAT, weitere zellbasierte Verfahren oder eine gelenkerhaltende Operation infrage. Eine gute Zweitmeinung bringt diese Möglichkeiten in die richtige Reihenfolge – passend zum Befund und zum persönlichen Ziel.
Kurz erklärt: Ein Knorpelschaden ist eine umschriebene oder flächige Schädigung des Gelenkknorpels. Für die Behandlung ist entscheidend, ob ein fokaler Defekt oder eine Arthrose vorliegt und ob Fehlachse, Meniskus, Instabilität, Patellaführung oder der subchondrale Knochen die Belastung mitbestimmen.
Autor und medizinisch verantwortlichPD Dr. med. Daniel P. BertholdFacharzt für Orthopädie und UnfallchirurgieInhaltlich aktualisiert am

Das Wichtigste in Kürze
Medizinisch unterscheiden
Größe, Tiefe, Lage, Knochenbeteiligung und Gelenkmechanik entscheiden über konservative oder rekonstruktive Wege.
Training bleibt die Basis; PRP, Hyaluron und gegebenenfalls Microfat können selektiv ergänzen.
Eine wirksame biologische Behandlung ersetzt nicht die Korrektur einer dominanten mechanischen Überlastung.
Knorpel-Entscheidungsfinder
Acht Fragen trennen Warnzeichen, mechanische Befunde, Basistherapie, Orthobiologie und fortgeschrittene Arthrose. Der Check stellt keine Diagnose. Ihre Antworten bleiben nur in dieser Ansicht und werden nicht gespeichert oder übertragen.
Kapitel 01
Gelenkknorpel überzieht die Knochenflächen im Knie. Er ermöglicht reibungsarmes Gleiten, verteilt Druck und schützt den darunterliegenden Knochen. Weil Knorpel nur begrenzt durchblutet ist, heilt ein tiefer Defekt nicht wie eine Hautwunde. Trotzdem ist ein Knorpelschaden kein statischer Zustand: Beschwerden und Belastbarkeit werden auch durch Gelenkschleimhaut, Knochen, Meniskus, Muskulatur und Bewegungssteuerung beeinflusst [1,2].
Für die Behandlung ist die erste Unterscheidung besonders wichtig: Liegt ein umschriebener fokaler Defekt vor, etwa nach Trauma oder lokaler Überlastung, oder handelt es sich um eine flächige degenerative Veränderung im Sinne einer Kniearthrose? Studien zu Injektionen betreffen überwiegend Arthrosepatienten; Operationsverfahren zur Knorpelrekonstruktion richten sich dagegen häufig an jüngere oder aktive Patienten mit fokalen Läsionen.
| Befund | Typisches Muster | Konsequenz für die Therapie |
|---|---|---|
| Fokaler Knorpeldefekt | Umschriebene Läsion, teils nach Trauma; übriger Knorpel relativ erhalten | Defektgröße, Lage und Knochenbeteiligung bestimmen, ob konservative, biologische oder rekonstruktive Behandlung passt |
| Frühe bis mittlere Arthrose | Mehrere Knorpelareale, Belastungsschmerz, gelegentliche Reizung | Multimodale Basistherapie; PRP, Hyaluron und gegebenenfalls Microfat als ergänzende Optionen |
| Fortgeschrittene Arthrose | Großflächiger Knorpelverlust, Achs- oder Formveränderung, zunehmender Funktionsverlust | Nutzen gelenkerhaltender Maßnahmen realistisch prüfen; Teil- oder Vollprothese nur bei passender Beschwerdelast |
Kapitel 02
Häufig wird die Outerbridge-Klassifikation verwendet. Sie beschreibt die Tiefe der Schädigung, ersetzt aber nicht die klinische Bewertung [22]. Ein kleiner Grad-IV-Defekt kann eine andere Bedeutung haben als eine große Grad-II-Läsion an einer hoch belasteten Kontaktfläche.
| Grad | Befund | Praktische Einordnung |
|---|---|---|
| 0 | Unauffälliger Gelenkknorpel | Keine sichtbare Läsion |
| I | Erweichung oder Schwellung | Frühveränderung; im MRT nicht immer sicher erkennbar |
| II | Oberflächliche Risse | Teildefekt ohne freiliegenden Knochen |
| III | Tiefe Fissuren oder größere Teildefekte | Fortgeschrittene lokale Schädigung |
| IV | Vollständiger Knorpelverlust | Subchondraler Knochen liegt frei |
Kapitel 03
Typisch sind belastungsabhängige Schmerzen, Schwellung nach Sport, Anlaufschmerz, eingeschränkte Beugung oder Streckung und gelegentlich ein Reiben oder Schnappen. Ein instabiler Knorpellappen oder freier Gelenkkörper kann Blockaden auslösen. Art und Ort der Beschwerden sind jedoch nicht spezifisch: Meniskus, Knochenödem, Sehnen, Patellofemoralgelenk oder Gelenkschleimhaut können ähnlich schmerzen.
Zeitnah untersuchen lassen: Ein deutliches Trauma mit Streckhemmung, wiederkehrende echte Blockaden, rasch zunehmende Schwellung, ausgeprägte Instabilität oder ein heißes, gerötetes Gelenk mit Fieber sollten kurzfristig ärztlich abgeklärt werden.
Kapitel 04
Ein Knorpelschaden kann nach einer akuten Verletzung entstehen oder sich schrittweise entwickeln. Häufig liegt nicht nur ein einzelner Auslöser vor, sondern eine Kombination aus biologischer Empfindlichkeit und wiederkehrender mechanischer Überlastung.
Ein isolierter Druckschmerz am Gelenkspalt, rein posteriorer Knieschmerz, nächtlicher Ruheschmerz oder eine tastbare Sehnenreizung können ebenso von Meniskus, Sehnen, Schleimbeuteln, Synovialis oder Knochen ausgehen. Der MRT-Begriff Knorpelschaden beweist daher nicht, dass genau diese Läsion die Beschwerden verursacht.
Kapitel 05
Die Diagnose entsteht aus Anamnese, klinischer Untersuchung und gezielt ausgewählter Bildgebung. Das MRT beschreibt den Knorpeldefekt; belastete Röntgenbilder und bei Bedarf eine Ganzbeinaufnahme zeigen Gelenkspalt und Beinachse. Bei osteochondralen Defekten kann ein CT die knöcherne Situation ergänzen.
Das MRT zeigt Knorpel, Knochen, Meniskus und Bänder sehr detailliert. Für die Therapie muss der Befund aber mit Schmerzort, Schwellungsmuster, Beweglichkeit, Stabilität, Kraft und Belastung zusammenpassen. Je nach Fragestellung ergänzen belastete Röntgenaufnahmen, eine Patellaaufnahme oder eine Ganzbeinaufnahme die Beurteilung. Die Achse ist im liegenden MRT nicht zuverlässig zu beurteilen.
Eine strukturierte Befundprüfung klärt:
Wo liegt der Defekt – Kniescheibe, Oberschenkelrolle oder Tibiaplateau?
Wie groß und tief ist er, und ist der darunterliegende Knochen beteiligt?
Ist die Läsion stabil oder besteht ein beweglicher Knorpellappen?
Sind Meniskus, Kreuzbänder und Seitenbänder funktionsfähig?
Liegt eine O-Bein- oder X-Bein-Fehlbelastung vor?
Passt der Befund zum Sport, zur Schmerzlokalisation und zum Verlauf?
Entscheidend: Ein MRT-Befund ist ein Teil der Diagnose – nicht die Therapieentscheidung selbst.
Kapitel 06
Knorpel wird nicht isoliert belastet. Ein teilweise entfernter oder insuffizienter Meniskus verkleinert die tragende Kontaktfläche. Eine Fehlachse konzentriert Druck auf ein Kompartiment. Eine Kreuzbandinstabilität erzeugt wiederholte Scher- und Rotationsspitzen. Auch eine gestörte Patellaführung oder deutliche Kraftdefizite können bestimmte Knorpelareale überlasten [1,2].
Deshalb kann eine Injektion durchaus Beschwerden verbessern – dauerhaft erfolgreich wird ein Konzept aber eher, wenn gleichzeitig die relevante Belastungsursache behandelt wird. Das kann Training, eine Orthese, Meniskuserhalt, Bandstabilisierung oder in ausgewählten Fällen eine Achskorrektur bedeuten.
Kapitel 07
Nicht jede Therapie verfolgt denselben Endpunkt. Eine gute Entscheidung trennt vier Ziele: Schmerzen und Reizung reduzieren, Belastbarkeit aufbauen, das biologische Gelenkmilieu günstig beeinflussen und einen strukturell relevanten Defekt mechanisch stabilisieren oder rekonstruieren. Schon eine verlässliche Schmerz- und Funktionsverbesserung kann medizinisch wertvoll sein, auch wenn im MRT kein neuer hyaliner Knorpel sichtbar wird.
Kapitel 08
Bei vielen stabilen Defekten und bei früher bis mittelgradiger Arthrose beginnt die Behandlung nicht mit Schonung, sondern mit dosierter Belastung. Progressives Krafttraining, neuromuskuläre Kontrolle, Beweglichkeit und eine sinnvolle Steuerung von Lauf-, Sprung- und Alltagsbelastung verbessern Schmerz und Funktion. Bei Übergewicht kann bereits eine moderate Gewichtsreduktion die Gelenklast senken [16,17,23].
Kraft: Quadrizeps, Hüfte, Wade und hintere Kette passend zum Defekt aufbauen.
Belastung: Umfang, Intensität und Reaktion am Folgetag gemeinsam beurteilen.
Bewegungssteuerung: Kniekontrolle, Beinachse und sportartspezifische Technik verbessern.
Reizung: Schwellung und anhaltende Schmerzsteigerung als Dosierungszeichen nutzen.
Alltag: Aktivität erhalten, statt das Gelenk über Wochen vollständig zu entlasten.
Eine Injektion kann diese Rehabilitation sinnvoll unterstützen, wenn Schmerzen oder wiederkehrende Gelenkreizung den Aufbau begrenzen. Sie ist dann kein Ersatz für Training, sondern kann den Zugang zu wirksamer Belastung erleichtern.
Bei einer schmerzhaften Reizphase können lokal oder systemisch wirkende Schmerz- und Entzündungsmedikamente zeitlich begrenzt sinnvoll sein. Auswahl und Dauer richten sich nach Vorerkrankungen, Begleitmedikation und individuellem Risiko. Medikamente verändern einen mechanisch relevanten Defekt nicht und sollten den Aufbau von Kraft und Belastbarkeit unterstützen, nicht ersetzen.
Kapitel 09
PRP, Microfat/MFAT, Knochenmarkaspirat und andere zellbasierte Produkte werden unter dem Begriff Orthobiologie zusammengefasst. Ziel ist, körpereigene Wachstumsfaktoren, Signalproteine, Zellnischen oder Matrixbestandteile zu nutzen, um Entzündungsaktivität und Gewebehomöostase günstig zu beeinflussen. Der Ansatz ist biologisch plausibel und klinisch zunehmend gut untersucht. Entscheidend bleiben die richtige Indikation, ein definiertes Präparat und realistische Zielparameter.
PRP steht für plättchenreiches Plasma. Aus einer Blutprobe wird ein Plasma mit konzentrierten Thrombozyten gewonnen. Diese setzen Wachstumsfaktoren und entzündungsmodulierende Botenstoffe frei. ACP ist ein bestimmtes autologes Plasmakonzept und gehört zur PRP-Familie; die Begriffe sind jedoch nicht für jedes Herstellungsverfahren austauschbar.
Die europäische ESSKA-ORBIT-Gruppe bewertet PRP als valide Therapieoption und mögliche erste orthobiologische Injektionsbehandlung bei nichtoperativ behandelter Kniearthrose. Der ESSKA-ICRS-Konsens unterstützt den Einsatz insbesondere bei früher bis mittelgradiger Arthrose in passenden klinischen Szenarien [3,4].
Eine systematische Analyse von Boffa und Kollegen aus dem Jahr 2025 zeigte, dass PRP bei Kniearthrose inzwischen in mehr Studien und an größeren Patientenzahlen untersucht wurde als intraartikuläres Kortison. Zusammen mit direkten Vergleichsanalysen, in denen PRP mittel- und längerfristig bessere Ergebnisse zeigte, spricht das für eine Neubewertung älterer Leitlinien, die Kortison bevorzugen [5]. Eine weitere Metaanalyse randomisierter Studien fand klinisch relevante Verbesserungen und Hinweise darauf, dass die tatsächlich verabreichte Thrombozytendosis das Ergebnis beeinflusst [6].
PRP kann bei geeigneten Patienten:
Belastungs- und Ruheschmerzen reduzieren,
Gelenkfunktion und Alltagsaktivität verbessern,
sportliche Belastung und Rehabilitation erleichtern,
den Bedarf an Schmerzmitteln verringern und
Der Effekt beginnt meist nicht am selben Tag. Häufig entwickelt er sich über mehrere Wochen und kann über Monate anhalten. Einzel- und Serienprotokolle sind beschrieben; eine für alle Patienten optimale Anzahl ist nicht belegt. Präparat, Thrombozytendosis, Leukozytenanteil, Arthrosegrad und Begleitbefunde erklären einen Teil der unterschiedlichen Studienergebnisse.
Evidenz richtig lesen: Die RESTORE-Studie zeigte für das dort verwendete PRP-Protokoll nach zwölf Monaten keinen Vorteil gegenüber Kochsalz [7]. Das ist ein wichtiger Befund, hebt die Gesamtheit positiver randomisierter Studien und die europäischen Konsensempfehlungen aber nicht auf. Es unterstreicht, dass PRP kein einheitliches Produkt ist und Patientenauswahl sowie Präparation relevant sind.
Hyaluronsäure ist ein natürlicher Bestandteil der Gelenkflüssigkeit. Eine Injektion soll ihre viskoelastischen Eigenschaften und das Gelenkmilieu beeinflussen. Bei ausgewählten Patienten kann sie Schmerzen reduzieren und Funktion verbessern. Der Effekt entwickelt sich häufig verzögert und kann mehrere Monate anhalten.
Leitlinien bewerten Hyaluronsäure unterschiedlich, weil Präparate, Studien und Placeboeffekte stark variieren. Metaanalysen zeigen im Mittel eher kleine Effekte gegenüber Placebo; im individuellen Verlauf kann die Behandlung dennoch relevant sein [17,20]. Im direkten Vergleich schneiden PRP-Protokolle bei früher bis mittelgradiger Arthrose häufig länger anhaltend besser ab [8]. Hyaluronsäure bleibt trotzdem eine sinnvolle Alternative oder Ergänzung, wenn Befund, Ziel und Patientenpräferenz dazu passen.
Bei Microfat beziehungsweise mikrofragmentiertem Fettgewebe (MFAT) wird eine kleine Menge körpereigenes Fett entnommen und mechanisch aufbereitet. Dabei bleiben Bestandteile der extrazellulären Matrix, perivaskuläre Zellnischen und verschiedene Signalstoffe erhalten. Das Präparat wirkt damit nicht nur über einzelne Zellen, sondern über ein biologisch aktives Gewebemilieu mit parakrinen und immunmodulierenden Eigenschaften.
Microfat wird im Alltag häufig als Stammzelltherapie bezeichnet. Medizinisch präziser ist die Bezeichnung mikrofragmentiertes autologes Fettgewebe: Es enthält stromale und perivaskuläre Zellpopulationen, ist aber nicht dasselbe wie eine isolierte oder im Labor expandierte Stammzellkultur. Diese Präzision nimmt dem Verfahren nichts von seinem Potenzial – sie macht die Aufklärung belastbarer.
Randomisierte Studien zeigten nach MFAT und PRP deutliche Verbesserungen von Schmerz und Funktion, meist mit vergleichbaren Ergebnissen nach zwölf bis 24 Monaten [10–12]. Eine Metaanalyse von sechs randomisierten Studien aus 2025 fand für beide Verfahren klinisch relevante Verbesserungen; MFAT zeigte nach sechs Monaten in mehreren Endpunkten einen kleinen Vorteil, während die Ergebnisse zu den meisten anderen Zeitpunkten vergleichbar waren [13].
Eine am 11. August 2026 veröffentlichte Metaanalyse umfasste elf randomisierte Studien mit 992 Patienten. MFAT zeigte gegenüber PRP, Hyaluron oder Kochsalz statistische Vorteile bei mehreren Schmerz- und Symptomendpunkten sowie eine vergleichbare kurzfristige Sicherheit. Die mittleren Gruppenunterschiede blieben jedoch unter den Schwellen für einen sicher wahrnehmbaren Zusatznutzen [14]. Praktisch bedeutet das: Microfat ist eine glaubwürdige spezialisierte Option, aber keine pauschal überlegene Therapie für jeden Patienten.
Zur Einordnung gehört auch eine verblindete, placebokontrollierte Studie mit zweijährigem Follow-up: Dort war MFAT Kochsalz nicht überlegen [24]. Das widerspricht einer möglichen individuellen Symptomverbesserung nicht, zeigt aber, warum MFAT derzeit eher als ausgewählte Zweitlinienoption und nicht als Standard für jeden Knorpelschaden positioniert werden sollte.
Sinnvolle Positionierung: Microfat/MFAT kann besonders dann diskutiert werden, wenn eine frühe bis mittelgradige Arthrose trotz guter Basistherapie symptomatisch bleibt, ein stärker gewebebasierter orthobiologischer Ansatz gewünscht wird und der zusätzliche Aufwand einer kleinen Fettentnahme akzeptiert wird.
BMAC wird aus Knochenmarkaspirat gewonnen und enthält neben Thrombozyten und Wachstumsfaktoren eine heterogene Zellpopulation. Kultur-expandierte mesenchymale Stromazellen sind davon davon zu unterscheiden. Beide Ansätze werden als zellbasierte Therapien untersucht und können bei ausgewählten Patienten Schmerzen und Funktion verbessern.
Der formale ESSKA-ORBIT-Konsens von 2025 unterstützt zellbasierte Injektionen als Zweitlinienoption bei Kniearthrose der Kellgren-Lawrence-Grade 1 bis 3, wenn andere nichtoperative Maßnahmen nicht ausreichend geholfen haben. Der Konsens beschreibt konsistente klinische Vorteile vor allem bis zwölf Monate, betont aber die noch begrenzte Standardisierung [9]. Die große MILES-Studie zeigte Verbesserungen in allen untersuchten Gruppen, jedoch keine Überlegenheit der drei Zellprodukte gegenüber Kortison nach zwölf Monaten [15]. Damit bleibt die Auswahl des Produkts und des passenden Patienten entscheidend.
Kapitel 10
Eine garantierte Neubildung von normalem, dauerhaft belastbarem hyalinem Gelenkknorpel kann derzeit für keine Injektion versprochen werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Verfahren nur Placebo wären. Schmerz, Entzündungsaktivität, Gelenkfunktion und Gewebehomöostase sind eigenständige klinisch relevante Ziele.
Für MFAT gibt es interessante MRT- und dGEMRIC-Signale, die auf Veränderungen des Proteoglykangehalts und der Knorpelmatrix hindeuten [14,21]. Für PRP zeigen präklinische Arbeiten chondroprotektive und entzündungsmodulierende Effekte. Ob solche strukturellen Signale langfristig Arthroseprogression oder Prothesenbedarf verändern, ist noch offen. Seriös ist deshalb eine positive, aber endpunktgenaue Formulierung: biologisches Potenzial und klinische Symptomverbesserung – ohne Heilsversprechen.
Kapitel 11
| Verfahren | Typische Rolle | Besonders interessant bei | Realistisches Ziel |
|---|---|---|---|
| PRP / ACP | Erste orthobiologische Injektionsoption | Früher bis mittelgradiger Arthrose, aktiven Patienten, belastungsabhängigen Beschwerden | Schmerz- und Funktionsverbesserung über mehrere Monate; Rehabilitation erleichtern |
| Hyaluronsäure | Etablierte symptomorientierte Alternative | Passender Patientenpräferenz, moderater Reizung, Wunsch nach etabliertem Verfahren | Gelenkfunktion und Belastungsschmerz verbessern |
| Microfat / MFAT | Gewebebasierte spezialisierte Zweitlinienoption | Persistierenden Beschwerden trotz Basistherapie; Wunsch nach autologem Fettgewebeansatz | Längerfristige Symptom- und Funktionsverbesserung; biologisches Gelenkmilieu unterstützen |
| BMAC / andere Zellprodukte | Spezialisierte zellbasierte Option | Ausgewählten KL-1- bis KL-3-Situationen nach anderen nichtoperativen Maßnahmen | Schmerz und Funktion verbessern; individualisierte Zweitlinienstrategie |
Die Tabelle ist keine Rangliste. Entscheidend sind Diagnose, Arthrosegrad, Entzündungsaktivität, mechanische Faktoren, bisherige Behandlung, Aufwand, Kosten und persönliche Präferenz.
Kapitel 12
Nein. Viele Knorpelschäden werden zunächst konservativ behandelt. Eine Operation sollte geprüft werden, wenn ein fokaler Defekt mechanisch relevant ist, der Knochen mitbetroffen ist, echte Blockaden auftreten oder eine ausreichend spezifische konservative Behandlung das individuelle Ziel nicht erreicht.
Eine Operation wird vor allem dann relevant, wenn ein umschriebener Defekt mechanisch stört, den darunterliegenden Knochen betrifft oder trotz gut aufgebauter konservativer Behandlung konkret symptomatisch bleibt. Bei einer Fehlachse, Meniskusinsuffizienz oder Instabilität muss häufig nicht nur der Knorpel, sondern die Belastungsursache behandelt werden [1,2].
| Verfahren | Typische Einsatzsituation | Was das Verfahren leistet |
|---|---|---|
| Chondroplastik | Instabiler Knorpellappen oder mechanisch störende Oberfläche | Stabilisiert störende Ränder; ersetzt verlorenen Knorpel nicht |
| Mikrofrakturierung | Ausgewählte kleine vollschichtige Defekte | Regt Reparaturgewebe aus dem Knochenmark an |
| OAT / Mosaikplastik | Kleine bis mittelgroße fokale Defekte | Überträgt einen belastbaren Knorpel-Knochen-Zylinder |
| OCA | Größere osteochondrale Defekte oder Knochenschaden | Rekonstruiert Knorpel und subchondralen Knochen mit Spendergewebe |
| ACI / MACI | Größere fokale Defekte bei geeigneter Gelenkumgebung | Zellbasierte Knorpelrekonstruktion mit längerer Rehabilitation |
| Umstellungsosteotomie | Einseitige Überlastung bei relevanter O- oder X-Bein-Achse | Verlagert die Last weg vom geschädigten Kompartiment |
Auch bei Operationen gibt es keine universell beste Technik. Eine Netzwerkmetaanalyse fand zwischen mehreren Knorpelverfahren keine eindeutige Überlegenheit für alle Patienten [18]. Bei kleinen Defekten zeigte eine aktuelle randomisierte Studie keinen Zusatznutzen der Mikrofrakturierung gegenüber arthroskopischem Debridement [19]. Defektgröße, Lage, Knochenbeteiligung, Alter, Achse und Sportziel müssen daher gemeinsam bewertet werden.
Kein Entweder-oder: Orthobiologie und Operation schließen sich nicht aus. Eine Injektion kann bei arthrotischer Reizung oder als Teil einer nichtoperativen Strategie sinnvoll sein. Ein rekonstruierbarer fokaler Defekt benötigt dagegen möglicherweise eine mechanische Lösung – mit konsequenter biologischer und funktioneller Nachbehandlung.
Kapitel 13
| Befundkonstellation | Erster Schwerpunkt | Mögliche nächste Stufe |
|---|---|---|
| Kleiner stabiler fokaler Defekt | Belastungssteuerung, Kraft und Bewegungsqualität | PRP/ACP bei anhaltender Reizung; Operation nur bei konkreter mechanischer Relevanz |
| Frühe bis mittelgradige Arthrose | Multimodale Basistherapie | PRP als gut untersuchte Injektionsoption; Hyaluron oder Microfat je nach Profil |
| Persistierende Beschwerden nach guter Basistherapie | Diagnose und Mechanik erneut prüfen | Microfat/MFAT, BMAC oder andere zellbasierte Zweitlinienoptionen individualisiert besprechen |
| Vollschichtiger fokaler Defekt | Defektgröße, Lage und Knochen analysieren | OAT/OCA, ACI/MACI oder anderes rekonstruktives Verfahren |
| Einseitige Arthrose mit Fehlachse | Belastungsachse objektivieren | Orthesenversuch oder gelenkerhaltende Umstellungsosteotomie |
| Fortgeschrittene Arthrose mit hoher Beschwerdelast | Nutzen der verbliebenen konservativen Optionen realistisch prüfen | Teil- oder Vollprothese, wenn Lebensqualität und Funktion dies rechtfertigen |
Kapitel 14
Ein Knorpelschaden bedeutet nicht automatisch Sportverbot. Die Belastung wird an Defektlage, Reizzustand, Sportart und Reaktion des Knies angepasst. Nach einer Injektion oder Operation gelten zusätzlich das jeweilige Nachbehandlungsprotokoll und die biologische Heilungszeit.
Belastungsregel: Eine leichte, rasch rückläufige Reaktion kann tolerierbar sein. Deutlich mehr Schmerz, Schwellung, Bewegungsverlust oder eine schlechtere Belastbarkeit am Folgetag sprechen dafür, die letzte Stufe zu reduzieren.
Kapitel 15
Eine qualifizierte Zweitmeinung beantwortet nicht nur die Frage, ob operiert werden soll. Sie ordnet Diagnose, Mechanik, biologische Optionen und persönliches Ziel mit einer Reihenfolge der nächsten Schritte.
Handelt es sich um einen fokalen Defekt, frühe Arthrose oder fortgeschrittene Gelenkveränderung?
Erklärt der Knorpelbefund die Beschwerden tatsächlich?
Welche Rolle spielen Meniskus, Knochenödem, Bänder, Patellaführung und Beinachse?
Wurde eine ausreichend spezifische Rehabilitation durchgeführt?
Ist PRP als erste orthobiologische Injektion plausibel?
Wann wäre Hyaluron, Microfat/MFAT oder ein zellbasiertes Verfahren sinnvoller?
Gibt es eine mechanische Operationsindikation oder lässt sich zunächst weiter gelenkerhaltend behandeln?
Welche Nachbehandlung, Ausfallzeit, Kosten und realistischen Ziele gehören zur gewählten Option?
Kapitel 16
In meiner Sprechstunde beginne ich nicht mit der Frage, welche Spritze oder welche Operation gewählt werden soll. Zuerst muss feststehen, welcher Befund die Beschwerden erklärt, wie das Knie belastet wird und welches Ziel der Patient verfolgt. Erst dann lässt sich entscheiden, ob Training und Belastungssteuerung ausreichen, PRP oder eine andere orthobiologische Behandlung sinnvoll ergänzt oder ein fokaler Defekt rekonstruiert werden sollte.
Als Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Schwerpunkt Sportorthopädie und Gelenkerhalt verbindet PD Dr. med. Daniel P. Berthold die klinische Untersuchung mit Bildanalyse, Biomechanik, wissenschaftlicher Evidenz und dem individuellen Aktivitätsziel. Gerade bei jungen, sportlich aktiven Patienten oder vor einer größeren Operation kann diese Gesamtschau unnötige Standardentscheidungen vermeiden.
Nächster Schritt: Für eine persönliche Zweitmeinung sind vorhandene MRT- und Röntgenaufnahmen, Befundberichte, bisherige Therapien, aktuelle Beschwerden sowie das konkrete Sport- oder Alltagsziel besonders hilfreich.
Kapitel 17
Ja. Viele stabile Defekte und frühe bis mittelgradige arthrotische Veränderungen können zunächst mit Training, Belastungssteuerung und gegebenenfalls einer Injektion behandelt werden. Eine Operation wird eher relevant, wenn ein mechanisch störender, vollschichtiger oder osteochondraler Defekt vorliegt oder eine gute konservative Behandlung nicht ausreicht.
PRP kann das Gelenkmilieu beeinflussen und bei geeigneten Patienten Schmerzen und Funktion verbessern. Ein verlässlicher vollständiger Wiederaufbau von normalem hyalinem Knorpel ist klinisch nicht bewiesen. Das macht die Behandlung nicht wertlos: Eine anhaltende Funktionsverbesserung und bessere Belastbarkeit sind eigenständige therapeutische Ziele.
PRP gehört zu den am besten untersuchten orthobiologischen Injektionen. Europäische ESSKA-Konsense bewerten es bei geeigneten Patienten mit früher bis mittelgradiger Kniearthrose als valide und mögliche erste Injektionsoption. Studienergebnisse variieren, weil PRP-Präparate und Patienten unterschiedlich sind.
ACP ist ein bestimmtes autologes Plasmapräparat und gehört zur PRP-Familie. PRP ist ein Oberbegriff für verschiedene Herstellungsverfahren mit unterschiedlichen Konzentrationen von Thrombozyten, Leukozyten und Plasma. Deshalb sind Studien zu einem Präparat nicht automatisch auf jedes andere übertragbar.
Untersucht wurden Einzelinjektionen und Serien. Für alle Patienten gibt es keine universell beste Zahl. Entscheidungskriterien sind Präparat, Thrombozytendosis, Arthrosegrad, Reaktion auf die erste Behandlung und das Gesamtkonzept mit Rehabilitation.
Nicht exakt. Microfat/MFAT ist mechanisch aufbereitetes körpereigenes Fettgewebe. Es enthält Matrix, Gefäß- und Zellnischen sowie stromale Zellpopulationen, ist aber nicht mit isolierten oder im Labor vermehrten Stammzellen gleichzusetzen. Der Begriff sollte präzise erklärt werden.
Beide Verfahren verbessern in randomisierten Studien häufig Schmerzen und Funktion. Metaanalysen zeigen überwiegend vergleichbare Ergebnisse; einzelne Auswertungen fanden zu bestimmten Zeitpunkten kleine Vorteile für MFAT. Eine pauschale Überlegenheit ist nicht belegt. Microfat ist aufwendiger, kann aber als spezialisierte Zweitlinienoption sinnvoll sein.
BMAC kann bei ausgewählten Patienten als zell- und wachstumsfaktorreiches Knochenmarkprodukt diskutiert werden, meist wenn Basistherapie und einfachere Injektionsoptionen nicht ausreichend geholfen haben. Eine konkrete Überlegenheit gegenüber PRP oder Microfat ist bisher nicht gesichert.
Sie kann Beschwerden und Funktion so verbessern, dass eine Operation nicht aktuell notwendig ist oder später erwogen wird. Garantieren lässt sich eine dauerhafte Operationsvermeidung nicht. Bei einem instabilen Defekt, freiem Gelenkkörper, relevanter Fehlachse oder fortgeschrittener Arthrose kann eine mechanische Lösung sinnvoller sein.
Häufig ja. Entscheidend sind Sportart, Schmerz, Schwellung, Defektlage und Reaktion am Folgetag. Belastung wird meist angepasst und schrittweise aufgebaut. Ein pauschales Lauf- oder Sportverbot ist selten hilfreich; echte Blockaden oder zunehmende Gelenkreizung erfordern jedoch erneute Beurteilung.
Der Verlauf ist individuell. Verbesserungen entwickeln sich häufig über Wochen und können mehrere Monate, bei manchen Patienten auch länger anhalten. Arthrosegrad, Präparat, Belastungsursache, Rehabilitation und Stoffwechsel beeinflussen das Ergebnis.
Nach PRP oder Hyaluron kann das Knie vorübergehend schmerzen oder anschwellen. Bei Microfat kommen Beschwerden an der Entnahmestelle hinzu. Infektionen sind selten, aber möglich. Blutverdünnung, Infekt, Hautveränderungen und relevante Begleiterkrankungen müssen vor jeder Injektion geprüft werden.
Das hängt von Tarif, Indikation, Begründung und Versicherer ab. Eine Erstattung kann nicht pauschal zugesagt werden. Vor einer kostenintensiveren Behandlung kann eine schriftliche Kostenzusage sinnvoll sein.
Wenn MRT-Befund und Beschwerden nicht zusammenpassen, mehrere sehr unterschiedliche Therapien empfohlen wurden, eine Knorpeloperation oder Prothese im Raum steht oder biologische Alternativen bisher nicht besprochen wurden.
Dieser Artikel dient der allgemeinen medizinischen Information. Er ersetzt keine persönliche Untersuchung, Bildbesprechung oder individuelle Therapieentscheidung.
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[23] Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. S3-Leitlinie Gonarthrose, Registernummer 187-050, Version 5.0. AWMF-Leitlinienregister https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/187-050
[24] Barfod KW et al. Treatment of knee osteoarthritis with a single injection of autologous micro-fragmented adipose tissue is not superior to placebo: blinded randomized trial with 2-year follow-up. Br J Sports Med. 2025;59:1219-1227. DOI https://doi.org/10.1136/bjsports-2024-108732

Meine persönliche Einordnung
Welche Fragen sollten vor der nächsten Behandlungsstufe beantwortet sein? Entscheidend ist die Verbindung aus Originalbildern, Untersuchung, Funktion, bisherigem Verlauf und Ihrem persönlichen Ziel.
Wenn Befund, Funktion und Verlauf dafür sprechen, wird die aktive Therapie gezielt dosiert und progressiv fortgeführt.
PRP, Hyaluronsäure, Microfat oder physikalische Verfahren können je nach Diagnose ein belastbares Trainingsfenster unterstützen.
Eine Operation wird dann besprochen, wenn eine konkrete mechanische oder strukturelle Ursache damit verständlich behandelt werden kann.
Mitbringen: Original-MRT beziehungsweise DICOM-Daten, radiologischen Befund, vorhandene belastete Röntgenbilder, frühere Aufnahmen, OP-Berichte sowie eine kurze Übersicht der bisherigen Therapie und ihrer Wirkung.
Knorpelschaden persönlich einordnenSprechstunde in München
Im Termin besprechen wir, ob die Behandlung konservativ fortgesetzt, biologisch ergänzt oder operativ weiterverfolgt werden sollte.