Wiederkehrende Verletzungen im Team

Wiederkehrende Verletzungen im Team

Wiederkehrende Verletzungen im Team: verständliche Informationen, fachliche Einordnung und passende nächste Schritte.

Persönliche ExpertenseiteAusführlicher Fachartikel
PD Dr. med. Daniel P. Berthold

Kurz eingeordnet

Das Wichtigste für Ihre Orientierung.

  • Beschwerden, Funktion und persönliches Ziel zusammen betrachten
  • Befunde nicht isoliert, sondern im Verlauf einordnen
  • Möglichkeiten und Grenzen verständlich vergleichen
  • Den nächsten Schritt konkret und überprüfbar festlegen

Entscheidungshilfe

Vier Punkte vor der Entscheidung.

Ausgangslage, vorhandene Befunde, Behandlungsoptionen und der nächste Schritt gehören in das Gespräch.

  1. 01

    Ausgangslage

    Beschwerden, Funktion und persönliches Ziel zusammen betrachten

  2. 02

    Vorhandene Informationen

    Befunde nicht isoliert, sondern im Verlauf einordnen

  3. 03

    Optionen

    Möglichkeiten und Grenzen verständlich vergleichen

  4. 04

    Nächster Schritt

    Den nächsten Schritt konkret und überprüfbar festlegen

Wiederkehrende Verletzungen sind ein Prozessproblem

Wenn dieselbe Verletzung im Team mehrfach auftritt, liegt die Ursache nicht zwingend bei einer einzelnen Rehabilitationsmaßnahme. Häufig wirken mehrere Faktoren zusammen: zu frühe Rückkehr, fehlende sportartspezifische Belastung, unvollständige Kraftentwicklung, hohe Spielintensität, Zeitdruck, unklare Kommunikation oder eine unzureichende Erfassung früherer Beschwerden.

Eine Wiederverletzung sollte deshalb nicht nur als neuer Einzelfall behandelt werden. Entscheidend ist die Frage, was zwischen der ursprünglichen Verletzung, der Freigabe und dem erneuten Auftreten passiert ist.

Reinjury und Subsequent Injury unterscheiden

In der Sportmedizin werden zwei Begriffe häufig vermischt:

Reinjury und Subsequent Injury unterscheiden
BegriffBedeutungBeispiel
Recurrent InjuryWiederkehr derselben oder einer eng verwandten Verletzung nach der RückkehrErneute Hamstringverletzung nach einer Hamstringverletzung
Subsequent InjuryJede weitere Verletzung nach einer ersten VerletzungSprunggelenksverletzung nach einer Knieverletzung
ExacerbationVerschlechterung eines noch nicht vollständig abgeheilten ProblemsZunahme der Beschwerden während des Aufbautrainings
Neue VerletzungAndersartige und nicht direkt abhängige VerletzungSchulterverletzung nach vollständig ausgeheilter Wadenverletzung

Eine systematische Übersichtsarbeit zu professionellen und elitären Sportarten fand für strikt wiederkehrende Verletzungen Anteile von 5 bis 21 Prozent. Breitere Subsequent-Injury-Modelle zeigten, dass 51 bis 80 Prozent der späteren Verletzungen als andersartig und nicht direkt mit der ersten Verletzung verbunden eingeordnet wurden [1].

Die Zahlen sind wegen unterschiedlicher Definitionen und Erfassungsmethoden nicht direkt vergleichbar. Für die Praxis bedeutet das: Ein Team sollte festlegen, welche Kategorien in seinem Verletzungsregister verwendet werden.

Was Studien aus dem Profifußball zeigen

In einer vierjährigen prospektiven Untersuchung eines Profifußballvereins waren 44 von 188 Muskelverletzungen, also 23,4 Prozent, Wiederverletzungen. Die Hälfte der Spieler erlitt im Beobachtungszeitraum mindestens eine erneute Muskelverletzung. Hamstrings waren mit 38,6 Prozent die häufigste Region. Die Rate wiederkehrender Muskelverletzungen war im Spiel deutlich höher als im Training [2].

Die UEFA-Langzeitstudie über 18 Spielzeiten zeigte dagegen einen Rückgang der Reinjury-Inzidenz um etwa 5 Prozent pro Saison in Training und Spiel. Das ist ein Hinweis auf verbesserte Prävention und medizinische Prozesse, beweist aber nicht, dass eine einzelne Maßnahme dafür verantwortlich war. Die Muskelverletzungsrate insgesamt blieb im selben Datensatz stabil [3].

Das kritische Zeitfenster nach der Rückkehr

Die Rückkehr in den Spielbetrieb beendet die Rehabilitation nicht. Eine prospektive Untersuchung im Elite-Australian-Football zeigte, dass das Risiko einer weiteren Verletzung in der Woche der Rückkehr am höchsten war. Für zeitverlustende Verletzungen lag das beobachtete Risiko in dieser Woche bei 9,4 Prozent, während das allgemeine Beteiligungsrisiko bei 3,6 Prozent lag. Das Risiko nahm danach ab, kehrte aber nicht sofort zum Ausgangsniveau zurück [4].

Diese Ergebnisse sprechen gegen eine Freigabe als punktuelles Ereignis. Nach der Rückkehr sollten Belastung, Beschwerden, Kraft, Bewegungsqualität und Ermüdungsreaktion weiter überwacht werden.

Typische Gründe für wiederkehrende Verletzungen

Unvollständige funktionelle Erholung

Schmerzfreiheit im Alltag bedeutet nicht automatisch, dass Sprinten, Springen, Abbremsen, Zweikämpfe oder wiederholte intensive Aktionen wieder sicher möglich sind. Defizite können bei hoher Geschwindigkeit oder unter Ermüdung sichtbar werden.

Zu schneller Belastungsaufbau

Eine Athletin oder ein Athlet kann einzelne Tests bestehen und trotzdem nicht auf die Summe der Belastungen vorbereitet sein. Besonders problematisch sind plötzliche Steigerungen von Sprint-, Spiel- oder Trainingsumfang.

Fehlende sportartspezifische Vorbereitung

Die letzte Rehabilitationsphase sollte die tatsächliche Sportart abbilden. Bei Fußball gehören unter anderem Sprints, Richtungswechsel, Schüsse, Zweikämpfe und wiederholte Aktionen dazu. Bei Handball, Basketball oder Rugby verändern Sprung-, Kontakt- und Wurfbelastungen die Anforderungen.

Unklare Kommunikation

Wenn medizinische Freigabe, Trainingsfreigabe und tatsächliche Spielbelastung nicht dieselbe Bedeutung haben, entstehen Missverständnisse. Eine konkrete Dokumentation und definierte Stufen reduzieren dieses Risiko.

Nicht berücksichtigte Vorgeschichte

Frühere Verletzungen, chronische Beschwerden, Operationen, Schlafprobleme, niedrige Energieverfügbarkeit und psychische Belastungen können die Belastbarkeit beeinflussen. Eine isolierte Betrachtung der aktuellen Diagnose reicht daher nicht immer aus.

Wiederverletzungen im Team analysieren

Eine strukturierte Teamanalyse sollte für jede Wiederverletzung mindestens folgende Punkte betrachten:

  • Art und Ort der ursprünglichen Verletzung,
  • Zeitpunkt und Kriterien der Rückkehr,
  • erreichte Trainings- und Spielbelastung,
  • Kraft, Beweglichkeit und sportartspezifische Funktion,
  • Beschwerden am selben und am folgenden Tag,
  • Reise- und Spielplan,
  • Kommunikation zwischen Medizin, Athletik und Coaching,
  • sowie die Frage, ob die erneute Verletzung dieselbe Struktur betrifft.

Die Analyse sollte nicht nur die letzten Tage vor dem Rückfall betrachten. Frühere Verletzungen können die Belastbarkeit über Monate verändern.

Prävention wiederkehrender Verletzungen

Die Prävention beginnt mit einer belastbaren Diagnose und endet nicht mit der ersten vollständigen Trainingseinheit. Sinnvolle Bausteine sind:

  • progressive Kraftentwicklung über den gesamten Bewegungsumfang,
  • objektive Funktions- und Leistungstests,
  • stufenweiser Aufbau von Geschwindigkeit und Ermüdungsresistenz,
  • individuelle Steuerung von Trainings- und Spielminuten,
  • Beobachtung der Reaktion am Folgetag,
  • fortgesetztes Präventionstraining nach der Rückkehr,
  • konkrete medizinische und sportliche Verantwortlichkeiten,
  • sowie eine Auswertung der Wiederverletzungen im gesamten Team.

Keine einzelne Testzahl kann das Risiko sicher ausschließen. Seitenvergleiche können zudem irreführend sein, wenn beide Seiten durch Trainingspause oder Schonung an Leistungsfähigkeit verloren haben.

Medizinische Beratung bei wiederkehrenden Teamverletzungen

Bei wiederkehrenden Verletzungen kann eine unabhängige sportorthopädische Beratung helfen, die Diagnose, den bisherigen Rehabilitationsverlauf und die Belastungsplanung zusammenzuführen. Je nach Befund können Bildgebung, Funktionsprüfung, eine Anpassung des Aufbaus oder eine weitere fachärztliche Abklärung erforderlich sein.

Eine externe Beratung kann außerdem Prozesse im Verein prüfen:

  • Sind Verletzungsdefinitionen einheitlich?
  • Werden Wiederverletzungen und Folgeprobleme getrennt erfasst?
  • Ist die Rückkehr zum Training konkret von der Rückkehr zum Wettkampf unterschieden?
  • Werden Beschwerden nach der Freigabe weiter dokumentiert?
  • Sind medizinisches und sportliches Team ausreichend abgestimmt?

Wiederkehrende Verletzungen in München behandeln und analysieren

PD Dr. med. Daniel Berthold bietet sportorthopädische Untersuchung, Bildbesprechung und individuelle Therapieplanung bei akuten, chronischen und wiederkehrenden Beschwerden.

OrthoCenter München Maximilianstraße 10, 80539 München Telefon: +49 89 461 34 53 0 E-Mail: info@ortho-center.eu

Häufige Fragen

Ist jede Verletzung nach einer früheren Verletzung eine Wiederverletzung?

Nein. Eine Wiederverletzung betrifft in der Regel dieselbe oder eine eng verwandte Struktur. Eine andere Verletzung wird als Subsequent Injury oder neue Verletzung eingeordnet.

Bedeutet eine erneute Verletzung, dass die Rehabilitation falsch war?

Nicht zwingend. Verletzungen entstehen multifaktoriell. Die Analyse sollte Diagnose, Gewebeheilung, Belastung, Spielplan, Schlaf, Vorgeschichte und Entscheidungsprozesse gemeinsam betrachten.

Wie lange besteht nach einer Verletzung ein erhöhtes Risiko?

Das hängt von Verletzung, Sportart und Belastung ab. Studien zeigen insbesondere in den ersten Wochen nach der Rückkehr ein erhöhtes Risiko. Eine pauschale Zeitangabe ist nicht zuverlässig.

Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle ärztliche Untersuchung oder Therapieentscheidung.

References

[1] C. Bitchell, J. Varley-Campbell, G. Robinson, V. Stiles, P. Mathema, and I. Moore, “Recurrent and Subsequent Injuries in Professional and Elite Sport: a Systematic Review,” Sports Medicine - Open, vol. 6, Dec. 2020, doi: 10.1186/s40798-020-00286-3.

[2] C. Carling, F. le Gall, and E. Orhant, “A Four-Season Prospective Study of Muscle Strain Reoccurrences in a Professional Football Club,” Research in Sports Medicine, vol. 19, pp. 102–92, Mar. 2011, doi: 10.1080/15438627.2011.556494.

[3] J. Ekstrand, A. Spreco, H. Bengtsson, and R. Bahr, “Injury rates decreased in men’s professional football: an 18-year prospective cohort study of almost 12 000 injuries sustained during 1.8 million hours of play,” British Journal of Sports Medicine, vol. 55, pp. 1084–1091, Feb. 2021, doi: 10.1136/bjsports-2020-103159.

[4] J. Stares et al., “Subsequent Injury Risk Is Elevated Above Baseline After Return to Play: A 5-Year Prospective Study in Elite Australian Football,” The American Journal of Sports Medicine, vol. 47, pp. 2225–2231, Jun. 2019, doi: 10.1177/0363546519852622.

Zur PersonAls ehemaliger Leistungssportler verbinde ich klinische Arbeit, Sportmedizin und Forschung.
PD Dr. med. Daniel P. BertholdPD Dr. med. Daniel P. BertholdFacharzt · Privatdozent · Sportorthopäde
100+ Publikationen · davon 90 PubMed-indexiert
Forschung und Ausbildung
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Autor und medizinisch verantwortlichPD Dr. med. Daniel P. BertholdFacharzt für Orthopädie und UnfallchirurgieInhaltlich aktualisiert am

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